16.07.18 21:56
ulrichnicht registriert
|
Re: Amoras pretas - schwarze Maulbeeren
Hallo Jardineira,
bei Deiner Beschreibung der Maulbeeren fiel mir der Versuch einer Übersetzung aus Ovids Metamorphosen ein, die ich 1962 im Lateinunterricht zu erledigen hatte. Mir hat der Inhalt des Gedichtes damals sehr gefallen (aus Gründen, die ich hier nicht ausbreiten möchte); daher füge ich den Text bei. Nach der Lektüre wirst Du wissen, warum die Maulbeeren schwarz sind. Übrigens haben wir in unserem Dorf noch enige alte Maulbeerbäume (im 2. Weltkrieg zur Gewinnung von Fallschirmseide gepflanzt). Ich finde Deine Beschreibung des Geschmackes sehr zutreffend.
mfg Ulrich
Pyramus und Thisbe
Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.): Metamorphosen
(übersetzt von Ulrich Kirschbaum, 1962)
pyramus und thisbe, der schönste jüngling er, sie bevorzugt unter den mädchen, die der orient hervorgebracht. in benachbarten häusern wohnten sie dort, wo - wie man sagt - semiramis die stadt hatte mit hohen mauern umgeben lassen.
die nachbarschaft ließ sie bekannte werden: mit der zeit wuchs die liebe. zu rechtmäßiger ehe hätten die beiden sich gern verbunden doch das verboten die väter! das aber konnten sie nicht verbieten, dass beider herzen in gleicher weise hell vor liebe brannten.
jeder mitwisser ist fern: mit winken und zeichen nur sprechen sie. je mehr das feuer verdeckt wird, umso mächtiger lodert es auf!
von einem dünnen riss - sie hatte ihn schon beim bau erhalten - war die wand durchspalten, die beiden häusern gemeinsam. durch lange jahre blieb dieser fehler unentdeckt - doch was erkennt die liebe nicht? - die liebenden sahen als erste ihn und ihre stimmen nahmen den weg durch ihn. sicher durch diesen schmeichelndes geflüster pflegte hinüberzugehen.
oft - wenn sie standen - hier thisbe, pyramus dort und wechselseitig den hauch des mundes erhaschten, sprachen sie: „neidische wand, was stehst du den liebenden entgegen? wieviel wäre auch schon daran, wenn du zuließest, dass unsere körper ganz beeinander wären. oder - wenn dies schon zuviel - doch wenigstens erlaubtetest, dass wir uns küssen! allein, wir sind nicht undankbar und müssen dir gestehen, du lässest die worte hindurch zum geliebten ohr.“
wenn sie - getrennt voneinander - vergeblich so gesprochen hatten sagten sie zur nachtzeit „lebewohl“ und gaben ein jeder seiner wandseite küsse, die nicht hinüber gelangten ...
später hatte die morgenröte die nächtlichen sterne verjagt und die sonne die betauten gräser getrocknet, als sie am gewohnten ort zusammenkamen. dann flüsterten sie leise und klagten ein wenig und beschlossen dann im schweigen der nacht die wächter zu täuschen und zu versuchen, aus der türe zu gehen und wenn sie dem hause entkommen, die dächer der stadt zu verlassen und - um beim spaziergang nicht fehl zu gehn im weiten gefild -, zusammenzukommen beim grabmahl des ninus und sich im schatten des baumes zu verbergen. der baum dort, benachbart einer kühlen quelle, war ein maulbeerbaum, beladen mit schneeweißen früchten.
der plan gefällt und das licht, das zögernd schien zu entweichen sinkt in die wogen hinab und aus denselben wellen steigt die nacht empor.
leise, in der dunkelheit, öffnet thisbe die tür entweicht und täuscht die ihren. und mit verhülltem gesicht geht sie zum genannten hügel und setzt wartend sich unter den baum. - kühn ist sie durch die liebe! - siehe, da kommt eine löwin das schäumende maul besudelt vom frischen morden der rinder zu löschen den durst in den wellen der nahen quelle. von ferne sah diese im mondenlicht babylons tochter, thisbe. und ängstlichen fußes floh sie erschreckt in eine versteckte höhle. doch während sie floh, verlor sie vom rücken den schleier - und ließ ihn zurück ... -
als die wilde löwin den durst gestillt in den wellen, findet sie zufällig - während in den wald sie zurückkehrt - diesen und mit blutigem maul zerfetzt sie das zarte gewebe. pyramus - später vom hause entkommen - sieht die spuren der bestie im staub und erblasst. als er auch wirklich den schleier findet, mit blut durchtränkt, da spricht er: „zwei liebende wird eine nacht vernichten! ach, und von allen war jene des langen lebens am würdigsten! und ich bin schuld! ich habe dich - ärmste - gemordet indem ich dich kommen hieß an diesen grausigen ort und nicht hier war, bevor du kamst! zerreißt meinen körper und mit wildem gebiss verzehrt mein verbrecherisch herz, ihr löwen! doch nur zu wünschen ist feige!!!“
auf hebt er den schleier thisbes und tritt in den schatten des baumes küsst und beweint das gewand und spricht: „empfange nun den trunk meines blutes“ und stößt das schwert, mit dem er gegürtet, sich unverzüglich in die weichen. sterbend zieht er`s aus der wunde. hochauf spritzt das blut, als er rücklings auf dem boden liegt. durch das blut benetzt, gehn die früchte des baumes in schwarze farbe über und die wurzeln - vom blute feucht - werden in purpur getaucht und die hängenden beeren gefärbt.
siehe, da kehrt - nicht ohne furcht - jene zurück, um den liebsten nicht zu verfehlen. und sucht den jüngling mit auge und herz und verlangt leidenschaftlich, ihm zu erzählen, welch großer gefahr sie gerade entgangen. wohl erkennt sie den ort, erkennt auch die formen des baumes; unsicher macht sie die farbe der früchte... sie zweifelt, ob er es sei. während sie schwankt sieht zuckende glieder sie schlagen die blutige erde. erschreckt setzt den fuß sie zurück dann wird sie weiß, wie buchsbaum und schaudert ähnlich der meeresfläche, die zittert beim zartesten windhauch.
nachdem sie sich aber besonnen und den geliebten erkennt, da schlägt sie sich, zerreißt das haar, umarmt den körper des liebsten und mischt mit tränen sein blut und küsst ihm das kalte antlitz. „pyramus“ - klagt sie - „welches schicksal raubte dich mir? antworte, pyramus! deine geliebte thisbe ruft dich! höre mich, pyramus!“ auf thisbes namen hin öffnet der schon vom tode gezeichnete die augen, sieht jene – und schließt sie für immer. als sie ihr gewand erkennt und das schwert sieht und die leere scheide da ruft sie: „ dich haben dein arm und die liebe getötet, unglücklicher! jedoch auch meine hand ist tapfer zu diesem einen zweck. das ist die liebe! sie wird mir die kraft zu diesen wunden geben. dir folg` ich in den tod! dann werde ich heißen deines verderbens grund und begleiter. du, der du einzig durch den tod von mir gerissen werden konntest - wohlan! - auch durch den tod sollst du mir nicht entrissen werden!
von euch - ihr eltern - erbitt` im namen von uns beiden ich: damit wir der liebe sicher, die in dieser stunde uns vereint, setzt uns bei in einem hügel. missgönnt uns dieses eine nicht. baum aber, du, der du jetzt mit deinen zweigen nur einen körper schirmst - bald wirst du zwei bedecken: deine frucht sei dunkelfarbig immerdar der trauer angepasst. behalte es als zeichen dieses todes, als denkmal des doppelten blutvergießens.“
sie sagt es und unter die brust die spitze setzend stürzt sie ins schwert, das noch vom blute warm.
ihr wunsch berührte die götter; berührte auch die eltern: die maulbeerfrucht, wenn sie ganz reif, ist schwarz. und was die flamme verschonte, das ruht in gemeinsamer urne. [center] [/center]
Zuletzt bearbeitet am 16.07.18 22:03
|